… mit Herz und Verstand

Der folgende Text über Hunderziehung ist für den normalen Hundealltag geschrieben. Er richtet sich weder an Ausbilder von Rettungs- und Diensthunden noch an Hundehalter, die mit ihren Hunden an Wettbewerben teilnehmen.

Vor ca. 15.000 Jahren hat der Mensch den ersten Wolf mit einem Knochen angelockt. Von da an entwickelte sich zwischen Mensch und Wolf eine Art Zweckgemeinschaft: Der Mensch wurde bewacht und beschützt, der Wolf kam auf einfachem Wege zu Nahrung. Über dieJahrtausende nahm der Mensch züchterischen Einfluss – das Ergebnis ist unser Haushund.

Glücklicherweise muss sich heute niemand mehr auf die Lauer legen, um einen Wolf zu domestizieren. Man geht einfach zu einem Züchter, ins Tierheim oder zu einer Privatperson und bekommt ein putziges Bündel Hund. Nach den ersten zwei, drei zauberhaften Tagenwird dann schnell festgestellt, dass der Hund etwas lernen muss, schließlich soll er ja gehorchen.

Aber wie geht das?

Ganz einfach, man kauft sich ein Buch über Hunde. Und da steht dann: Der Halter muss sich fortan mit fettigen Leckerchen bewaffnenoder eine kompetente Hundeschule besuchen. Also werden zunächst fettige Leckerchen oder Unmenge Fleischwurstwürfel eingepackt,damit sich der Hund auch ja für seinen Halter interessiert. Alle anderen Hunde finden das natürlich auch bombastisch und dürfenautomatisch an dem fettigen Segen teilhaben. Leider ungeachtet dessen, ob der jeweilige Besitzer das auch so großartig findet. „Der darf doch was haben, oder?!“ wird nur der Form halber gefragt, während der Haps schon im Rachen des betroffenen Hundes verschwunden ist.

„Er hat doch so süß geguckt!“ ist dann die Scheinentschuldigung der reulosen Fremdfütterer. Eine Unverschämtheit? Zweifellos. Ignorieren sie doch die anderen Hunde, die nun knurrend und zähnefletschend versuchen das nächste Leckerchen zu ergattern. Auch dafür hat der Fettfreund eine Erklärung: „Alle Hunde lieben mich und jetzt sind sie eifersüchtig!“

Aha. Schauen wir uns die Szenerie doch nun mal aus Sicht der Hunde an, die auf Leckerchen konditioniert werden: Sie alle reagieren zunächst äußerst zuverlässig auf den magischen Griff in die Jackentasche oder das wohlige Knistern des Frischhaltebeutels. An dieser Stelle sprechen wir mal nicht über die Menge an Kalorien, denn Liebe geht bekanntlich ja durch den Magen. Wo wir grad beim Thema sind:

„Ähm, Liebe? Was ist das?“ würde ein jeder Hund fragen, wenn er denn könnte.

Hunde kennen keine Liebe, wie der Mensch sie kennt. Aber er schließt sich gerne einem zweibeinigen Artgenossen an, der ihm als Ranghöchster imponiert. Auf der anderen Seite wird er jedem „rangniedrigeren“ Zweibeiner sofort die Beute streitig machen und sich danach wichtigeren Dingen zuwenden. Das ist seine Natur. Er testet in jedem Moment seine Rudel-Position und nutzt sie für sich.

Fettfreie-Hundeerziehung ohne LeckerchenMoment mal: „Rangniedriger Zweibeiner“?

„Ja.“, sagt der Hund, „Das ist so ein Zweibeiner doch! Schließlich muss man sich nur vor ihn setzen, den Kopf in seine Taschen stecken, ihn psychopathisch anspringen oder anbellen und schon gibt er seine Beute ab. Gelobt wird man dafür auch. Wirklich angenehm. Und so einfach! Manchmal rufen sie mich auch und reißen sich richtig darum ihre Beute loszuwerden. Ja gut, mit anderen Hunden muss man sich deshalb gelegentlich prügeln, aber das ist die Mühe wert. Seit neustem fliegt die Beute auch in schnauzengerechten Beuteln durch die Luft. Die Zwei- und Vierbeiner streiten sich dann darum, wem welcher Beutel gehört. Mit seinem ganzen Verhalten zeigt mir der Zweibeiner, dass er rangniedriger ist als ich. Wieso sollte ich ihm also vertrauen und mich ihm anschließen?“

Ja, das ist schmerzhaft für einige Hundebesitzer, aber so sieht es nun mal aus. Hat so ein Hund mal Schmerzen oder Angst (z.B. nach einem Autounfall oder dem Tritt eines Joggers), ist er an keinem Leckerchen oder Futterbeutel der Welt interessiert. Ein Hund sucht in so einer Situation nur dann seinen Herrn auf, wenn beide eine innige Beziehung haben.

Leider sind solche Hund-Halter-Konstellationen heute selten anzutreffen. Vielleicht weil immer noch zu viele Halter mit der Fressgier ihres Hundes arbeiten – es also einfach nicht besser wissen. Natürlich wirkt auf den Laien die Gabe eines Leckerlies angenehmer und liebevoller als die Zurechtweisung durch einen Leinenruck. Der Grund dafür liegt im Sozialverhalten der Menschen. Aber der Hund ist kein Mensch und versteht das natürliche Sozialverhalten seiner Art deutlich besser.

Dem wirklichen Hundekenner bleibt an der Stelle natürlich nicht verborgen, dass der Erfolg mit Leckerchen oberflächlich ist. Benötigt man beispielsweise zwei Monate intensives Futterbeuteltraining, damit ein Hund gerne ins Auto springt, so benötigt man mit einer tiefen Vertrauensbindung vielleicht vier Minuten.
Bei ca. 6 Mio. Hundebesitzern in Deutschland, ist die Aufklärungsarbeit eine schier endlose Aufgabe. Die Flut der unseriösen Hundeexperten und die Literaturschwemme über die verschiedenen Methoden der Hunderziehung machen es den Hundehaltern aber auch nicht leicht.

So schwimmen viele aus Unwissenheit munter auf der Leckerchen-Clicker-Halti- oder Futterbeutel-Welle – gerne auch mal in verwirrenden Kombinationen. Als wäre das nicht genug, gibt es für Wald-und-Wiesen-Hundepsychologen noch das Fernstudium in der Schweiz oder nette Abendkurse. So wird man über kurz oder lang Besitzer eines Computerausdrucks oder einer billigen s/w-Kopie auf der „Diplom“ steht. 3000,00 € und mehr kostet der Spaß. Weil man ja nicht so genau weiß, ob der Job als Tierpsychologe läuft, kann man im gleichen Institut noch 30 andere Diplome erlangen, z.B. Heilpraktiker oder Tantrameister. Wir haben nach 15 Jahren und knapp 5.000 ausgebildeter Hunde keine Diplome auf Papier. Unsere Diplome haben vier Beine, sind stark behaart, glücklich Hund zu sein und natürlich gut erzogen.

Doch zurück zu Futterbeutel vs. Leinenruck.

Beide verfolgen ja das gleiche Ziel: einen Hund auf sich zu fixieren. Die Leckerchen Fraktion greift einfach tief in Tüte oder Kühlschrank und ist durch die dick aufgepumpten Jacken- und Hosentaschen jeder Zeit zu identifizieren. Gerne tragen sie alternativ auch mal den hoch gepriesen Futterbeutel stolz an ihrer Seite. Unvorhersehbare Ereignisse können bei einem solchen Training natürlich zu bangen Minuten führen, zum Beispiel wenn einem die Munition ausgeht und sich die Catering Station (der Kofferraum) in zwei bis drei Kilometern Entfernung befindet.

Der Trainer, der sich wirklich mit der Psyche des Hundes beschäftigt und den Hund auf kalorienarme Art und Weise erreicht, bleibt von solchen Problemen verschont. Er wird dem Hund in zwei Minuten klar zeigen, dass er psychisch gefestigt ist und der Hund ihm deshalb bedingungslos vertrauen kann. Also erlebt man binnen kürzester Zeit einen Hund, der erwünschte Dinge tut, nur um zugefallen und zu imponieren.

Diejenigen, die die letzen zwei Sätze mit verständnislosem Stirnrunzeln quittiert haben, sollten unbedingt noch mal nachlesen. Stellt sich anschließend immer noch kein Verständnis ein, besteht zu Gunsten eines gesunden Hund-Halter-Verhältnisses Nachholbedarf. Wenn Sie daran kein Interesse haben, müssen Sie sich leider weiterhin hinter eingezäunten Hundeplätzen verstecken. Aber bitte: Bringen Sie nicht noch mehr Fettiges unters Halter-Volk.

In jüngster Zeit wurde uns von Welpenbesitzern sogar zugetragen, dass sie in einer Hundeschule, die angeblich hundepsychologisch lehrt, zu Folgendem angehalten wurden: Sie sollten neben ihrem 11 Wochen alten Welpen minutenlang in gebeugter Haltung herlaufen und ihm dabei ein Stück Fleischwurst vor die Nase halten. Offen bleibt die Frage, ob die Hundebesitzer nach 10 Trainingseinheiten einen Gutschein für den Besuch einer Physiotherapie-Praxis erhalten haben.

Wie wir immer wieder hören, stellen sich die Leckerli-Ausbilder auch gerne die Frage, ob nun der Einsatz von Wiener Würstchen oder Schweinefilet besser ist. Wir denken es gibt qualitativ interessantere Fragen, hören aber mit Interesse zu. Denn quittiert der Hund den Dienst, taucht er garantiert bei uns auf.

So wie im Fall eines Ausbilder-Trios auf den Rheinwiesen. Das Erziehungsergebnis waren lediglich fette Welpen. Abgesehen von der unfreiwilligen Heiterkeit, die solche Methoden erzeugen, bleibt bei uns immer ein Stück Traurigkeit zurück. Getäuschter Halter – armer Hund.

Der einzige Bereich in dem ich persönlich den Futtertrieb des Hundes mit Leckerchen ausnutze, ist das Filmtiertraining.

Und dafür gibt es gute Gründe:

  • An einem Filmset geht es für den Hund um nichts.
    •  Es sind keine Artgenossen vor Ort.
    •  Es werden Dressuren geleistet, die weit über die normale Hundeerziehung hinausgehen.
    •  Der Hund muss von einem hundeunerfahrenen Schaupieler sofort geführt werden können.

 

Der letzte Punkt ist deshalb unproblematisch, weil der Schauspieler mit dem Hund nicht leben muss. Aber in freier Wildbahn mit dem eigenen Rudel ist und bleibt die Leckerli-Nummer für Hund und Halter hinderlich, im schlimmsten Fall sogar gefährlich.