Während einer Trainingsstunde wurde ich von einem zweijährigen Dackelrüden ins Gesicht gebissen. Wie konnte das passieren? Hier ist die ganze Geschichte.
Ich wurde zu einem Beratungsgespräch ins Haus gerufen.
Die Besitzer hatten mich vorher informiert, dass der Dackel gelegentlich aggressiv reagiert. Zunächst benahm sich der Hund recht unauffällig, ließ sich streicheln, legte sich auf den Rücken. Bei dem Versuch ihn ein wenig hochzuheben ging zunächst noch alles gut.
Von einer Sekunde zur anderen hatte der Hund jedoch einen extremen Agressionsschub und biss mir ins Gesicht. Der Hund war nicht mehr zu beruhigen, biss weiter um sich, erwischte mich am Fuß. Sämtliche Trainingsmaßnahmen ließen den Hund unbeeindruckt. Herrchen und Frauchen, die die Ausfälle des Hundes bereits kannten, waren hilflos.
Mein Beruf bringt das Risiko von Bissverletzungen natürlich mit sich. Kleinere Zwickereien – vor allem in Hände und Beine – kommen öfter vor, dennoch muss ich sagen, dass Verletzungen im Gesicht eher ungewöhnlich sind.
Bei einem Hund, der solch ein Verhalten zeigt, ist erst einmal ein Besuch beim Tierarzt angesagt. Blutuntersuchungen, die vielleicht auf erhöhte Cortisolwerte, Schilddrüse oder gar auf eine Tumorerkrankung hindeuten, müssen zunächst ausgeschlossen werden.
Nicht immer ist ein unbewusstes Fehlverhalten bei der Erziehung eines Hundes Ursache für anti-soziales Verhalten. Verhaltensstörungen können auch infolge des Ausfalles eines Sinnesorgans oder als Reaktion auf Umwelt- und Haltungsfehler entstehen bzw. durch Störung in der Prägephase ausgelöst werden. Es kommt aber auch durch ein Aufmerksamkeitsdefizit zu diesen Verhaltensänderungen.
Psychische Erkrankungen sind entweder erworbene oder angeborene, teilweise aber auch vererbbare Verhaltensänderungen.
Dennoch müssen der oder die Besitzer immer ins Training integriert werden. Dies ist auch das größte Problem, weil nur alleine die Einsicht des Besitzers noch zu keinem veränderten Verhalten führt und dieses vom Trainer und / oder Tierarzt kontrolliert werden muss. Weiterhin ist es eine oft sehr zeitintensive langwierige Angelegenheit, bei der Teilerfolge durch das Zurückfallen in alte Verhaltensschemata zunichte gemacht werden.
Abschließend kann man sagen, dass solch ein Verhalten grundsätzlich bei allen Hunden, aber vor allem immer wieder bei kleinen Hunden zu beobachten ist. Diese haben mit Knurren, Schnappen usw. öfter Erfolg, können aufgrund ihrer Körpergröße nicht immer schnell gepackt und zur Ordnung gerufen werden. Der Hund fühlt sich in seinem Verhalten bestätigt und wird immer stärker. Aussagen wie “Der mag jetzt nicht“ oder „Ist doch ein kleiner Hund, die sind nun mal so“ tun ihr übriges, um den Charakter des Hundes vollständig zu verderben.
Nachdem das Kind dann in den Brunnen gefallen ist und der Besitzer oftmals seinen Hund noch nicht einmal selbst mehr berühren kann, wird dann ein Trainer aufgesucht.
Glücklicherweise ist heute nicht immer die Euthanasie eines solchen Tieres der letzte Ausweg. Eine Kombination aus Training/ Tierarzt und Konsequenz des Halters kann hier Abhilfe schaffen.
In Anbetracht solcher Ereignisse muss man sich noch mal vor Augen führen, wie wichtig die Auswahl des Züchters ist, bzw. die Hintergrundgeschichte eines Hundes zu kennen, den man erst im Erwachsenenalter anschafft. Unter Umständen können da Zeitbomben ticken.
Es gibt leider einen großen Pool an unseriösen Hundevermehrern, die auch mit aggressiven oder kranken Tieren züchten, die normalerweise gar nicht zur Zucht zugelassen würden.
Mittlerweile ist es leider sogar möglich Welpen per Internet zu bestellen, wohlgemerkt ohne den jeweiligen Hund jemals vorher zu Gesicht bekommen zu haben, geschweige denn seine Elterntiere. Als Welpen sind natürlich alle Hunde süß und niedlich und im Angesicht von Kulleraugen fällt es natürlich schwer „Nein“ zu sagen, auch wenn man sich eigentlich schon darüber im klaren ist, dass man bei einem unseriösen Hundehändler gelandet ist. Aber was soll’s? Das böse Erwachen kommt dann, wenn sich der Charakter des Hundes langsam festigt und man feststellt, dass man dem Hund, der am Anfang sooo süß und klein war, nicht gewachsen ist.
Ich habe in meiner Laufbahn schon einige wirklich aggressive Tiere kennengelernt, sowohl große als auch kleine. Viele davon habe ich mit einem vernünftigen, fachmännischen Trainingsplan vor dem Tierheim oder gar einer Euthanasie bewahren können, aber für eine Handvoll kam jede Hilfe zu spät. Für sie blieb nur das Einschläfern, da sie eine Gefahr – nicht nur für ihre eigenen Familien – darstellten.
Liegen nach einer tierärztlichen Untersuchung, wie im Fall des Dackels, keine Befunde vor, kann ich mit dem Training beginnen. Allerdings ist der Erfolg auch hier von den Besitzern des Hundes abhängig. Denn längst nicht jeder ist in der Lage, sein Verhalten im Umgang mit dem Hund umzustellen, da müssen alle Familienmitglieder an einem Strang ziehen. Vor allem darf man da nicht schwach werden.
Herzblut und falsches Mitleid sind hier fehl am Platz. Damit tut man sich und vor allem dem Hund keinen Gefallen.