
Oder: Die Angst vor dem Hundebesitzer.
Frau O., Besitzerin eines Labrador-Schäferhund-Mix-Rüden, rief vor einigen Monaten bei mir an und bat um einen Beratungstermin mit Einzeltraining.
Sie beschrieb mir am Telefon folgende Probleme:
Besucher werden von Sammy nicht in die Wohnung gelassen, sondern sofort gestellt und bedrängt. Der Hund zeigt auch außerhalb der Wohnung auffälliges Territorialverhalten, bellt übermäßig und in allen denkbaren Situationen. Dass der Hund enorme Defizite im Grundgehorsam hatte, ließ sich ebenfalls heraushören.
Starkes Territorialverhalten äußert sich bei Hunden grundsätzlich durch das Attackieren, Zwicken, Bedrängen und sogar Beißen von Besuchern oder auch Familienmitgliedern innerhalb der Wohnung, wodurch der Hund signalisieren will, dass er der Chef im Ring ist.
Auch im Fall Familie O. hatte der Hund im „Familienrudel“ die Alphaposition, also die Führung, übernommen und wurde damit zu einer Bedrohung für sein Umfeld. Ich machte mich also an einem Donnerstagnachmittag auf den Weg zu Familie O.
Grundsätzlich beginnt das Training mit Hunden, die starkes Territorialverhalten zeigen, an der Haustüre: Der Besitzer übergibt den angeleinten (!) Hund an den Trainer und muss sich umgehend zurückziehen, damit er den Hund in seinem Verhalten nicht unbewusst bestärkt. Die einzige Verbindung, die der Hund nun hat, ist die zum Trainer und zwar über die Leine – und das bemerkt der Hund sofort. Anschließend betreten Trainer und Hund gemeinsamen das zu verteidigende Gelände, zum Beispiel die Wohnung.
Das zu verteidigende Objekt an sich spielt für den Hund keinerlei Rolle. So gut wie alle Hunde zeigen schon binnen kürzester Zeit Territorialverhalten; und das kennen Sie sicherlich auch von Ihrem eigenen Hund: Sie setzen sich z.B. zwei Minuten auf eine Parkbank und ein Fremder nähert sich – Ihr Hund zeigt Meldeverhalten. Wenn Sie Ihren Hund in dieser Situation abrufen können, ist alles im normalen Bereich. Bei Familie O. war das dem Gespräch zu Folge aber nicht der Fall.
Aber zurück zum Donnerstagnachmittag bei Familie O.
Ich klingelte und hörte erwartungsgemäß einen heftig bellenden Hund. Durch die Art des Bellens war mir sofort klar, wie viel Arbeit hinter der Türe auf mich wartete.
Die Tür öffnete sich ein Stück. Eine mittelgroße Frau kam zum Vorschein. Sie war zugleich damit beschäftigt, ihren schätzungsweise 35kg schweren Rüden mit den Beinen in der Tür einzuklemmen, der sich erwatungsgemäß widersetzte. Der Hund trug dabei weder Leine noch Halsband.
Nach meiner freundlichen, aber durchaus bestimmten Aufforderung, den Hund bitte mit Halsband und Leine auszustatten und mir zu übergeben, erwiderte Frau O.: „Nein, nein, kommen Sie erst mal rein, der muss jetzt erst mal an Ihnen schnuppern, bleiben Sie ganz still stehen, dann tut der Ihnen nichts...“
Diesen Satz kenne ich zu genüge. Der tut am Ende immer weh.
Wie oft wurde ich als Hundetrainer schon gebissen, weil ich davon ausging, dass Halter Ihren Hund besser kennen als ich. Aber mit den Jahrzehnten als Hundetrainer lernt man schließlich dazu.
Außerdem machte mich die Aufforderung von Frau O. stutzig: Schließlich hatte sie mich nicht gerufen, damit ihr Hund einen neuen „Feind“ attackieren kann, sondern damit ich das Verhalten des Hundes in den Griff abstelle.
Dennoch forderte sich mich erneut sehr energisch auf, endlich die Wohnung zu betreten und mich vom Sammy beschnuppern und untersuchen zu lassen! Aber das ist ein Verhalten, das ich als Trainer unter keinen Umständen zeigen darf. Denn hätte ich mich vom selbsternannten „Alpharüden“ erst einmal ausgiebig beschnuppern lassen bis der Hund mir „erlaubt“ die Wohnung zu betreten, hätte ich mich dem Hund unterworfen. Der Mehrzahl der Leser wird klar sein, dass die Unterwerfung des Trainers jedes Hunde-Training torpediert.
Jedenfalls wurde ich jetzt ebenfalls energischer und forderte sie unmissverständlich auf, dem Hund endlich ein Halsband mit Leine umzulegen und dann erneut mit ihm zur Tür zu kommen. In diesem Moment tauchte Herr O. auf. Er hatte bis dahin offensichtlich im Wohnzimmer gesessen und wollte nun – sichtlich genervt – in Erfahrung bringen, warum die Dinge nicht ihren gewohnten Gang nahmen.
In der Hoffnung, nun vielleicht doch noch auf offenen Ohren zu stoßen, wandte ich mich mit an Herrn O. Doch leider hatte auch dieses Vorhaben nicht den gewünschten Erfolg. Es führte lediglich dazu, dass Herr O. den keifenden, völlig aufgebrachten Hund am Schlafittchen packte und mit ihm in den Tiefen der Familienwohnung verschwand.
Währenddessen belehrte mich Frau O., dass der Hund es gewohnt wäre, dass sämtliche Besucher so lange still zu stehen und zu warten hätten, bis er sie ausgiebig beschnüffelt hätte und sein „OK“ gab. Deshalb würde jeder Versuch, dieses „Begrüßungszeremoniell“ zu unterbrechen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein. Ich sollte den Hund daher am Besten gewähren lassen.
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da kam Herr O. mit Hund Sammy aus dem Wohnzimmer: Er trug den kläffenden und wild strampelnden Rüden, der jetzt mit einem Geschirr ausgestattet war, wie einen Koffer um die Ecke. Dazu hielt Herr O. den Hund am oberen Geschirrband so stark fest, dass das arme Tier mit allen Vieren in der Luft hing. Natürlich führte dies dazu, dass Sammy sich nur noch weiter in seine Aggression hineinsteigerte. Dieses Szenario musste ich mir durch einen etwa 20 cm breiten Türspalt vom Hausflur aus ansehen.
In diesem Zusammenhang muss ich anmerken, dass es Kunden gibt, die mir gerne das komplette Fehlverhalten Ihres Hundes zeigen möchten, damit ich mir ein „besseres Bild“ machen kann. Wenn ich solchen Demonstrationen beiwohne, tue ich das nur für meine Kunden. Denn durch meine langjährige Erfahrung mit Hunden und ihren Haltern erkenne ich die Probleme auch ohne Vorführung des gesamten Verhaltenspektrums.
Im Hause O. wurde der zappelnde „Koffer-Hund“ neben seinem Kofferträger im Türrahmen abgestellt. Allerdings war immer noch kein Koffergurt zu sehen, daher startete ich einen letzten Versuch, endlich eine Leine mit Halsband zu bekommen. Frau O. zeigte sich zwischenzeitlich deutlich genervt, da ich mich weigerte ihren Anweisungen Folge zu leisten.
Eine Zusammenarbeit wurde von Minute zu Minute unwahrscheinlicher. Mir fiel ein, dass sogar der Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH mich gebeten hatte, Tipps für den Umgang mit Hunden in fremden Wohnungen zu geben. Diese standen nun in einem Handbuch, nach dessen Richtlinien die SEKs und andere Polizeibedienstete handeln sollten. Bei Frau O. und ihrem Mann biss ich dagegen auf Granit. „Schlimmer als die Polizei erlaubt,“ dachte ich bei mir.
Frau O. wurde derweil zusehends unfreundlicher und forderte mich erneut auf nun endlich die Wohnung zu betreten. Doch die Leichtsinnigkeit dieser Leute und die höchst unangenehme Situation im Hausflur führten letztendlich dazu, dass ich mich höflich verabschiedete: „Ich bin weg.“
Mit dieser Entscheidung hatte ich zum ersten Mal in meiner Trainerlaufbahn einen Kunden buchstäblich „an der Tür“ stehen lassen.
Noch am gleichen Tag ließ ich der Familie O. eine Nachricht zukommen, dass es auf keinen Fall Hund Sammy war, der zu diesem ungewöhnlichen Verlauf des ersten – und in diesem Fall auch letzten – Kontakt geführt hatte. Der Grund dafür war, dass Herr und Frau O. von mir als höchst leichtsinnig und in Kombination mit ihrem Rüden als geradezu gefährlich und nicht trainierbar eingestuft wurden und ich daher nicht bereit war das Training und damit die Verantwortung für Hund und Halter zu übernehmen.