Von Lupus zu Luxus – Was man vor dem Hundekauf beachten sollte

Seit einiger Zeit gibt es in der Hunde-Szene Trends, die mich als Trainer und Hundefreund verwirren und sogar wütend machen. Einige werden aus Gedankenlosigkeit verfolgt oder weil es irgendwie zum guten Ton gehört, andere sind mitunter sogar gefährlich für den Hund.

In vielen Fällen bleibt seine Natur auf der Strecke.

Grundsätzlich sollte man sich immer genau überlegen, was sie Entscheidung eines Halters für den Hund bedeuten kann. Am besten noch vor dem Hundekauf. Ein Beispiel aus der Praxis?

Hier die Frage eines Kunden, die mir immer mehr Welpen-Besitzer stellen:

„Herr Lenzen, wann sollen wir unseren Hund kastrieren lassen?“

„Warum soll der Hund denn kastriert werden?“

„Ja, das muss er doch!“, ist die Antwort, die mich immer wieder erschaudern lässt.

Mein Hinweis an dieser Stelle: Das sinnlose, nicht medizinisch indizierte Kastrieren von Hunden ist in Deutschland gemäß § 6 Abs. 1 des Tierschutzgesetzes untersagt. Danach ist eine generelle Kastration von Hunden unzulässig (vgl. www.tierschutzakademie.de).

„Ja, aber, Herr Lenzen, der Rüde ist doch so dominant bei anderen Hunden, im Haus genauso. Und der Jagdtrieb nervt uns auch!“

Mich hat fast der Schlag getroffen. Denn genau dieser Kunde hatte vor der Anschaffung des Welpen lange über die Rasse nachgedacht. Man entschied sich für einen Weimaraner, einen Jagdhund. Wie ich im Nachhinein erfuhr „harmoniert das Grau so schön mit den bernsteinfarbenen Augen“. Außerdem hatte er sich wohl vier Monate lang überlegt, ob es lieber eine Hündin oder ein Rüde werden sollte. Nach eigener Überlegung kam man zu dem Entschluss: Eine Hündin ist zwar leichter zu führen, aber ein Rüde ist einfach stattlicher und wird nicht läufig. Also Rüde. 

Ungefähr fünf Monate nach der Anschaffung des Rüden fragte mich der neue Hundebesitzer also, wann denn nun die Zeit der Kastration gekommen sei.

Das ist leider die gängige Praxis. Hundespezifische Verhaltensprobleme sollen am besten wegoperiert werden. Wenn der Hund dann aus der Narkose aufwacht – so die Vorstellung der neuen Hundebesitzer – sind die Probleme, für die man in den meisten Fällen selbst verantwortlich ist, raus- bzw. abgeschnitten.

Warum die Dominanz des Rüden nach einer Kastration noch vorhanden ist oder sich sogar steigert, stellt die Halter vor ein Rätsel. Dass der Hund jetzt von intakten  Rüden bedrängt wird, weil er nicht mehr nach Rüde riecht, ist Pech für den Hund. Kastrieren ist trendy.

 

Ein weiterer Trend zum Nachdenken für alle Hundefreunde

Schwere Bernersennenhunde tragen plötzlich zarte Halsbändchen, Chihuahuas werden mit Strasshalsbändchen in Taschen auf Shoppingtour mitgenommen – der versilberte Trinknapf ist natürlich mit von der Partie.

Der Mensch ist weiter weg vom Hund als je zuvor. Und der Hund auch.

Das Leben wäre so einfach, wenn der Mensch den Hund einfach Hund sein lässt. Aber einige Menschen schaffen sich Hunde an und erwarten, dass er sich anpasst. Ohne wenn und aber. 

Die Auswahl eines Hundes richtet heute immer weniger nach der Funktion für die er gezüchtet wurde. Was zählt sind die eigenen Bedürfnisse und der Lebensstil.
Ach ja, und die Optik: Der Hund soll schick sein. Heutzutage wird jede Rasse zum tollen, schicken Familienhund degradiert, im schlimmsten Fall zum Kinderspielzeug.

„Freundlich, braucht wenig Auslauf und ist kinderlieb“ sind die Aussagen, mit denen Hundeverkäufer nahezu alle Rassen unters Volk bringen.
Das Ergebnis ist eine nicht artgerechte Haltung:
Border-Collies – lauffreudige Hütehunde ¬– müssen sich mit eineinhalb Stunden Auslauf pro Tag zufrieden geben; Weimaraner und Viszla – einst für die Jagd gezüchtet – werden zum Hundetrainer gebracht, um den Jagdtrieb „abzustellen“. Jack-Russel-Terrier, die auf die Jagd hochaggressiver Ratten spezialisiert waren, müssen zur Belustigung und Unterhaltung der Kleinen herhalten.
In der Wohnung trifft ein Jack-Russel selten auf eine Ratte. Wohin also mit seinem natürlichen Aggressionspotential? Nicht ausreichend beschäftigt, kann sich diese Power auch mal an anderer Stelle entladen, z.B. an einem Kinderarm.

Aber wehe dem Hund, der mit Zwicken reagiert, nachdem ihm an Schwanz und Ohren gezogen wurde: „Der hat unsere Kinder in unserer Abwesenheit gebissen!“ heißt es dann von den aufgebrachten Eltern. Der „fachkompetente“ Hundeverkäufer sagte schließlich der Hund sei „kinderlieb“ und das stand so auch in der Anzeige. Also wird eine Bisswunde präsentiert und schon hat der „Familienhund“, der keiner ist und auch nie einer war, verloren.

Noch ein wenig zum Hintergrund: Man unterscheidet bei Hunden einer Rasse zwischen der „Showlinie“ und der „Arbeitslinie“. Beide Linien haben einen völlig anderen Anspruch an den Hundehalter. So will der Hund aus der Arbeitslinie beschäftigt werden, weil er auf ein großes Arbeitspotential hingezüchtet wurde. Das Tier aus der Showlinie muss in erster Linie optisch dem Rassestandart entsprechen, ist meist weniger aktiv, dafür aber menschenbezogener.

Noch vor zehn Jahren war es beinahe unmöglich den Arbeitshund Weimaraner in einen Familienhaushalt zu übernehmen: Die wenigen Züchter gaben ihre Weimaraner wohl wissend nur in Jägerhände ab.

Mit „101 Dalmatiner“ wurde der ehemalige Kutschenhund, der auf kilometerlangen Strecken Pferdekutschen begleitete, zum Leben in der Wohnung verdammt.

Der Rhodesian Ridgeback war bei uns vor 10 Jahren so gut wie unbekannt: Heute sieht man ihn in jeder Stadt, kombiniert mit farblich passenden, rehbraunen Gummistiefeln. Siegfried & Roy könnten vielleicht erklären, warum sie sich einen Hund halten, der zur Löwenjagd eingesetzt wurde. Aber nicht das 60-jährige Ehepaar aus Gelsenkirchen.

Bei der Auswahl des Traumhundes gehen wichtige Kriterien leider viel zu früh über Bord. Und der Hund muss es wieder ausbaden.

Wer sich einen Hund aussucht, muss genau überlegen, welche Rasse oder Mischung zu ihm passt – unabhängig von optischen Vorlieben und spontaner Begeisterung. Und wenn sie unsicher sind: Fragen Sie einen seriösen Trainer, er wird alle Ihre Fragen gerne beantworten und Ihnen den richtigen Rat geben.

Unabhängig von der Rasse hat jeder Hund auch einen eigenen Charakter. Welcher am besten zu Ihnen und Ihren Lebensumständen passt, kann Ihnen ebenfalls ein Profi-Trainer sagen. Er sucht mit Ihnen auch gerne eine gute Welpenstube aus und hilft Ihnen, den Richtigen für Sie rauszusuchen.

Denn alle diese Kriterien werden viel zu schnell vernachlässigt, wenn es um die Auswahl des Traumhundes geht.
Lassen Sie ruhig beraten – denn vom Traum zum Alptraum ist es manchmal nicht weit.

Ich biete zukünftigen Hundehaltern immer gerne an, sich das Training unserer Sonntagsgruppe bereits vor dem Hundekauf anzuschauen: In der Gruppenstunde können Sie die verschiedenste Hunderassen mit ihren Besitzern „in Aktion“ erleben. Sie können einen Plausch mit den Besitzern halten; und auch ich stehe Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

 

Weitere Anregungen zum Thema Massenzucht-Trend

Massenzüchter setzen skrupellos Elterntiere mit schweren Schäden zur Zucht ein. Und die werden an die Nachkommen weitergegeben.
Als Folge treten auch bei ursprünglich gelassenen und robusten Rassen immer häufiger Verhaltensprobleme oder gesundheitliche Mängel auf: Sogar beim Labrador, der immer als sehr sozialer Hund galt, gibt es immer mehr Verhaltensauffälligkeiten. Berner Sennenhunde, ursprünglich robuste und gelassene Hunde, die früher harte Arbeit geleistet haben, sind als Rasse mittlerweile schwer krank und zeigen Störungen wie Epilepsie, die durch Erbfaktoren übertragen werden.

Die Hundehändler züchten auch verantwortungslos „Trendhunde“ heran. Diese Tiere, aufgezogen in regelrechten Hundefabriken, weisen nicht nur häufig Erbfehler auf, sondern zeigen deutliche Defizite in der Sozialisation. Anders als bei guten Züchtern legen diese Hundehändler keinen Wert darauf, dass die Welpen in der entscheidenden Prägephase (die in der 2. Woche beginnt und bis zum 13. Monat andauert) das Richtige erleben und mit unterschiedlichen Alltagsreizen konfrontiert werden.

Ein guter Züchter hingegen stabilisiert die Hunde bereits zwischen der dritten und fünften Woche. Ein Beispiel: Der gute Züchter sorgt mit viel Liebe und Geduld dafür, dass die Welpen bereits in der Wurfkiste unterschiedliche Geräuschkulissen erleben. Später sind diese Hunde weitaus weniger geräuschempfindlich und das zahlt sich im neuen Leben bei Ihnen aus.

Ein Hundehändler macht das nicht. Warum auch? Es ist ihm in den meisten Fällen schlichtweg egal, wie sich seine Welpen entwickeln. Hauptsache Sie kaufen.

Oft wird mangelndes Wissen vom Hundehändler oder selbsternannten „Züchter“ an die neuen Hundebesitzer weitergegeben. Da erzählt mir jemand stolz: „Den hab ich vom Züchter!“ Und sagt im nächsten Moment „Der Züchter hat gesagt, der soll bis zum sechsten Monat keinen Kontakt zu anderen Hunden haben.“ Das ist, als würden Sie einem Kind bis zu seinem 10. Lebensjahr den Umgang mit anderen Kindern verbieten. Normal ist das nicht.

Auch wenn es schwierig ist, die Schwarzen Schafe in der Hundezucht zu erkennen, gibt es Kriterien, die dafür sprechen, dass es sich um einen guten und professionellen Züchter handelt.
Ein guter Züchter hat sich auf eine Rasse spezialisiert, höchsten auf zwei. Sind es dagegen mehr Rassen oder heißt es bei Nachfrage einer bestimmten Rasse: „Kann ich Ihnen auch besorgen, kein Problem!“, sollte man schnell das Weite suchen.

Von einem guten Züchter kann man auch erwarten, dass er Ihnen die Elterntiere vorstellt. Können Sie Mutter oder Vater nicht sehen, ist auch das ein schlechtes Zeichen. Sogar das Verhalten der Elterntiere kann dem aufmerksamen Welpeninteressenten sehr viel Aufschluss über den Züchter geben. Die Hündin muss nicht begeistert sein, wenn sich ein Fremder ihren Welpen nähert. Aber wenn Sie von ihr schon aus 20 Metern Entfernung verbellt werden, sollte das Ihnen zu denken geben. Kein guter Züchter würde ein aggressives Tier nehmen, das die gesamte Zuchtlinie aus der Bahn wirft. Und eine Hündin, die den Menschen scheut, hat meist schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht.

Entscheidend ist auch, wie der Züchter seine Hunde hält

Einen Züchter, der in einer Wohnung mit Balkon züchtet und vielleicht nicht mal eine richtige Wurfkiste hat, kann man getrost vergessen. Aber auch ein Mini-Garten hinterm Reihenhaus ist etwas völlig anderes, als das artgerecht gestaltete Freilaufgehege eines anspruchsvollen Züchters.

Der Vertrag spricht ebenfalls Bände über die Professionalität und Qualität des Züchters: Ein guter Züchter sichert vertraglich ab, dass der Hund artgerecht und seinen rassetypischen Merkmalen entsprechend gehalten wird. Der Kaufvertrag enthält daher eine Klausel, die es ermöglicht den Hund zurückzufordern, falls der neue Halter gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Keine Panik, der verantwortungsvolle Züchter möchte den Hund in guten Händen wissen und sorgt sich nur um das Wohl seiner Tiere. Genau das möchten Sie ja.

Den gleichen Zweck erfüllt eine Klausel, die dem Hundezüchter ein grundsätzliches Vorverkaufsrecht zusichert, wenn der neue Hundebesitzer sich wider Erwarten doch von seinem Hund trennen will oder muss.

Die Erfahrung und das Verantwortungsbewusstsein eines Züchters zeigt sich auch an der Art und Weise, wie er die zukünftigen Hundebesitzer inspiziert: Stellt er viele Fragen zu Ihrer Person und Ihrem Lebensstil? Oder wird nur über den Preis gesprochen und wann sie den Hund abholen? Überlegt er mit Ihnen gemeinsam welcher Welpe zu Ihnen passen könnte oder ist es ihm egal?

Sicher, wenn jemand sich einen Hund wünscht und dann Welpen sieht, ist es meist um ihn geschehen. Nehmen Sie sich Bedenkzeit, auch das begrüßt ein seriöser Züchter! Schalten Sie Ihre Vernunft ein.
Nur so kann man sicher sein, dass man am Ende einen Hund hat, der gesund ist, ein artgerechtes Hundeleben leben kann und von dem man bekommt, was man sich von seinem Traumhund erwünscht.